Wenn das Leben aus den Fugen gerät

Seelsorge-Angebote im Dekanat Coburg, die durch Krisen tragen

Einfach da sein: Wenn man fragt, was die Menschen in ihrem dienstlichen Umfeld brauchen, dann antworten die drei Seelsorge-Personen das Gleiche. Es gibt Situationen im Leben, in denen braucht ein Mensch ein offenes Ohr und eine Person, die die eigenen Gefühle mit aushält. Seelsorge eben.

Karl-Heinz Hillermeier ist Pfarrer in Großwalbur und Notfallseelsorger im Evang.-Luth. Dekanat Coburg. Wenn er zu Krisensituationen gerufen wird, dann ist das Leben meistens völlig aus dem Lot. Ein Unfall, ein plötzlicher Todesfall, ein Suizid. „Menschen in Notsituationen brauchen vor allem Orientierung. Ihr Leben gerät aus den Fugen. Sie brauchen eine Person, die sie durch diese Unsicherheit begleitet“, so Hillermeier. 

Auf eine neue Situation müssen sich auch die Studierenden einstellen, mit denen Susanne Thorwart als Hochschulseelsorgerin zu tun hat. Natürlich sind eine neue Umgebung, der Spagat zwischen Job und Studium oder Leistungsdruck keine lebensbedrohlichen Situationen. Doch der Druck ist in den ersten Monaten enorm hoch. „Die jungen Menschen sind in einer schwierigen Entwicklungsphase. Sie müssen sich erst noch als Persönlichkeit finden, sie müssen neue Beziehungen eingehen und sich oft zum ersten Mal selbst um alles kümmern. Das macht unsicher“, erklärt Susanne Thorwart. 

Unsicherheit erlebt auch Detlev Juranek, der als Klinikseelsorger tätig ist. Eines von vielen Gefühlen, die ihm im Lauf eines Arbeitstages begegnen. „Da ist die größte Freude, weil gerade ein Kind geboren wurde, Angst vor einer Diagnose oder Trauer, weil ein geliebter Mensch stirbt – und auch alle Gefühle dazwischen.“ Der Pfarrer besucht Menschen im Klinikum, die um Seelsorge bitten oder bei denen vom Klinik-Team Seelsorgebedarf wahrgenommen wird.

Zuhören, wahrnehmen, mitgehen

Zuhören ist für alle drei essenziell. „Es ist am wichtigsten, einfach da zu sein“, so Detlev Juranek. „Die Situation wahrnehmen, ein Stück auf dem Weg mitgehen und die Menschen begleiten.“ Ganz so, wie es in der Bibel steht: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Trauernden. Lustige Situationen erlebt Juranek in seinem Alltag – doch auch Situationen, in denen er die Verzweiflung eines Patienten mitträgt.  

„Manche Menschen wünschen sich auch jemanden, der sie an die Hand nimmt und ihnen erklärt, was passiert. Zum Beispiel, dass als nächstes der Bestatter kommt oder welche Rolle der Arzt im Todesfall hat“, sagt Karl-Heinz Hillermeier. Psychosoziale Akuthilfe ist für diese Art der Begleitung der Fachbegriff. Notfallseelsorge wird erst seit wenigen Jahren professionalisiert. Als Hillermeier 1995 als Vikar in die Notfallseelsorge eingestiegen ist, war der Bereich noch eher hemdsärmelig organisiert. „Heute gibt es eine eigene Ausbildung für Notfallseelsorge und auch die Zusammenarbeit mit dem Katastrophenschutz ist vertieft worden“, fasst der Pfarrer zusammen. Als Notfallseelsorger ist er vor allem in den ersten Stunden einer Krise für die Menschen da. Er empfiehlt gern den Kontakt zur örtlichen Pfarrperson für weiterführende Unterstützung.

Spezielle Einsatzgebiete und Seelsorge im Alltag

Was bei Hillermeier in der Regel nach wenigen Stunden endet, ist bei Susanne Thorwart häufig eine längere Begleitung. Studierende kommen immer wieder zu Veranstaltungen. Gemeinsame Wanderungen oder Ausflüge, Sport oder Gottesdienste – die Angebotspalette, die sie mit ihrem katholischen Kollegen gemeinsam organisiert, ist breit. Eine besondere Herzensangelegenheit ist ihr das Format „Sprach-Bar“. „Dazu laden wir einmal im Monat ein. Wir stellen eine Frage, die dann in verschiedenen Sprachen miteinander besprochen wird“, beschreibt die Pfarrerin. In ihrer Erfahrung sind es häufig die ausländischen Studierenden, die Schwierigkeiten haben. Denn neben aller Unsicherheit kommt für sie noch die Sprachbarriere dazu. „Bei der Sprach-Bar erlebe ich es als besonders bereichernd, dass so viele Menschen mit verschiedenen Biografien und Muttersprachen miteinander ins Gespräch kommen.“ Das Erleben, dass andere zuhören, auch wenn ich noch mit einer Sprache kämpfe, ist für viele sehr wertvoll. 

Neben der Hochschulseelsorge, der Klinikseelsorge und der Notfallseelsorge gibt es im Dekanat Coburg auch einen Altenheimseelsorger und seit einigen Monaten ein eigenes Team für queersensible Seelsorge. Doch neben diesen ganz speziellen Einsatzbereichen ist es das, was kirchliche Mitarbeitende – Pfarrpersonen, Diakone, Religionspädagoginnen – auch im Alltag tun: Da sein und zuhören, wenn das Leben aus den Fugen gerät.